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Beidrehen - Seemannschaft für den Ostseetörn

Was machen die da?

Die Fock steht back, das gereffte Groß ist dicht. Langsam driftet die Yacht nach Lee.

Beidrehen ist das meist unterschätzte Manöver unter Segeln, von dem jeder in der Segelschule schon einmal gehört und es höchstwahrscheinlich als Skipper nie in die Praxis umgesetzt hat.

Dabei geht es ganz einfach: Mit dichten Segeln hoch am Wind wird eine Wende gefahren – nur eben ohne die Fock auf die neue Seite zu nehmen.

Dann die Pinne ganz nach Lee gedrückt und dort mit einem Zeiser gesichert – fertig! Mit dem Steuerrad klappt das natürlich genauso.

Wer es zum ersten Mal praktiziert, wird erstaunt sein, wie ruhig das Schiff danach in der See liegt.

Es spricht vieles dafür: Es ist eine gute Möglichkeit, der erschöpften Crew im harten Seegang Erholung zu verschaffen. Der Einhandsegler kann sich auch ohne Autopilot vom Ruder entfernen, sei es um zu navigieren, oder auch nur, um sich unter Deck umzuziehen.

Während eine Gewitterfront durchzieht und man besonders mit kleinen Booten ohnehin keinen Weg mehr nach Luv gut machen würde, bietet es sich an, beigedreht bei einer Tasse Tee abzuwarten und wieder an die Kreuz zu gehen, sobald das Ärgste vorüber ist.

Kalte Küche an Bord, nur weil man hoch am Wind im Seegang nicht mehr kochen mag? Ungnädige Blicke der weiblichen Crewmitglieder, die den Gang zur Toilette sichtbar gequält bis zum nächsten Hafen aufschieben? Auch hier gilt: Probier`s mal mit... beidrehen!

Während Langkieler zu Recht den Ruf genießen, besonders gut beizudrehen, funktioniert es mit etwas Übung auch mit modernen Kurzkielern. Als prominentes Beispiel mag Bernard Stamm gelten, der im Velux Five Oceans Einhandrennen um die Welt selbst mit einem IMOCA 60-Fußer mit minimaler Lateralfläche beigedreht einen Sturm abgewettert hat. Allerdings lohnt es sich zu testen, mit welcher Kombination aus Groß- und Vorsegelfläche die eigene Yacht am besten beigedreht liegt. Besonders bei überlappenden Vorsegeln ist Vorsicht geboten. Damit diese nicht auf die Saling „aufgespießt“ werden, müssen sie gerefft, oder gegen eine kleinere Fock gewechselt werden.

 

seemannschaft fuer den ostseetoern

Heute kaum noch angewandt, hat das beidrehen bei Arbeitsseglern ein wichtige Rolle gespielt. Die Technik der südenglischen Working Boats zum Austern fischen beruht auf dieser Technik: Sie kreuzen erst über ihre Austernbänke, drehen dann bei und ernten bei der Drift nach Lee die Austern mit Ihren Austernrechen, den Dredges, ab. Auch Lotsenkutter wurden traditionell beigedreht, um den Lotsen mit seinem Beiboot auszusetzen.

Eine überlebensnotwendige Rolle hat das beidrehen allerdings auch für den modernen Freizeitskipper: Geht ein Crewmitglied über Bord, ist das sofortige beidrehen die schnellste Möglichkeit, die Yacht zur Rettung aufzustoppen.

 

Hier erklärt die amerikanische Whitbread-Legende Skip Novak das beidrehen in den Gewässern um Kap Horn: